Die Wirkung von warmem Kakao

Konrad ist 5 Jahre alt. „Ein Maxi-Kind im Kindergarten“, sagt er mir beim Kennenlernen. Seine Mama hatte einen Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Sie wird sterben.
Konrad sitzt da so klein zwischen den anderen Erwachsenen. Viele weinen

Dennoch: Es ist gut, dass er dabei ist, auch, wenn man ihm eine andere Umgebung wünschen würde. Aber es ist, wie es ist.

Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser.

In der Nacht rief Katharina von der Intensivstation des Krankenhauses an und fragte, ob ich kommen könne. Der Vater bräuchte Hilfe, auch für den Umgang mit dem Sohn. Ich konnte in der Nacht nicht fahren, auch Trauerbegleiter haben manchmal Auszeiten, am Morgen meldete sich der Kindergarten, nicht wissend, dass sich die Knappschaft schon gemeldet hatte.

Die Kindergartenleiterin sagte: „Ich habe bei ihnen die Religionspädagogische Fortbildung vom
KiTa Zweckverband Bistum Essen mitgemacht. Und heute stand der Vater hier, so traurig, so verunsichert und er wollte den Sohn nicht mit zur Mama nehmen. Da fiel mir sofort ein, dass sie gesagt haben: „Nehmt die Kinder mit. Mitnehmen an der Hand, mit Erklärung, nicht aussen vor lassen, das ist die beste Sicherheit für das Kind.“ Ja, das war damals neu für mich, aber ich verstand in der Fortbildung, was sie meinen. Und heute war es auf einmal so klar: Konrad und Mama waren so ein enges Team, wenn nicht er und ihr Mann, wer denn sonst? Er ist doch ihr Kind! Sie ist doch seine Mama!

Jetzt ist von uns zur Unterstützung noch eine Erzieherin aus der Kita mitgefahren, damit der Vater und das Kind sich nicht so alleine fühlen. Können sie auch noch dort hin kommen?“
Ich war baff. Noch nie habe ich es erlebt, dass eine Kita die Erzieherin zur Unterstützung mit auf die Intensiv schickt (freiwillig)! Wie großartig und hilfreich ist das!

Im Warteraum der Intensivstation treffe ich Vater, Kind, die Geschwister der Mutter, die beste Freundin, die Krankenhausseelsorgerin und die Erzieherin.

Im Gespräch sage ich Konrad, dass die Erwachsenen so viel weinen, weil sie traurig sind, dass die Mama so feste krank ist.

Er hatte vorher schon gehört, dass die Mama sterben würde.

Aber: was bedeutet „sterben“ für ein 5 jähriges Kind? Was versteht, was begreift es davon?
Die Traurigkeit der Großen ist für das Kind oft „schlimmer“ als der Begriff „sterben“. Also sollte man die Traurigkeit erklären und schauen, was ihm und auch den anderen helfen kann. „Weinen, z.B.“, das sagt der Papa. „Sich in den Arm nehmen“, sagt die Tante.

„Und was hilft dir?“, frage ich Konrad. „Warmer Kakao“, sagt er. Es ist ein echt sonniger, fast heißer Tag, es schreit für andere eher nach Eis, aber warmer Kakao als Tröster, das versteht sofort jeder hier.

Wir gehen zur Mama rein, sie liegt im Bett, beatmet, „verkabelt“ mit vielen Infusionsschläuchen.
Konrad weint. Er hatte es schon draussen gesagt bekommen, wie Mama aussieht, dass man ihr mit den Dingen helfen will, aber jetzt fängt er an zu begreifen, dass mit Mama was Schlimmes los ist.

Schwester Annika schaut ins Zimmer und ich frage, ob sie rein kommen kann. „Konrad, die Schwester Annika können wir jetzt fragen, was das alles für Sachen an der Mama sind.“
Schwester Annika nickt, Konrad auch. Und auf Papas Schoß sitzend zeigt er auf den Intubationsschlauch. Er schluchzt dabei. Der Papa drückt ihn an sich und Schwester Annika erklärt. Sie erklärt so ruhig, so gut, dass ich denke: Sie müsste in der „Die Sendung mit der Maus
“ in einem Film vorkommen. Ich weiß aus dem kurzen Vorgespräch, dass sie selber sehr berührt ist. Aber dieses Erklären können, dürfen, gibt nicht nur dem Kind, sondern uns allen, sie eingeschlossen, Halt.

Dann zeigt Konrad auf den Ernährungsschlauch, der in die Nase geht. „Und das?“
Wisst ihr, ohne Erklärung sieht so etwas ganz schön gefährlich aus.
„Dadurch bekommt deine Mama das Essen. Der Schlauch geht durch die Nase, durch den Hals in die Speiseröhre bis in den Magen. Deine Mama kann nicht mehr kauen und schlucken und jetzt bekommt sie so etwas wie Spinat und Kartoffelbrei durch den Schlauch bis in den Magen, damit sie kein Magenknurren hat.“ Konrad nickt.

Dann rutscht er von Papas Schoss, geht um das Bett herum, stellt sich neben die Schwester und fragt, und fragt und fragt.
Und sie erklärt, erklärt und erklärt.
Es tut auch den Erwachsenen gut, Fachwissen kindgerecht zu hören. Wer weiss das schon alles? Und wer traut sich, wie die Kinder zu fragen?

Konrad bekommt zum Schluss 2 Spritzen geschenkt: eine große für die Badewanne und eine, womit er im Kindergarten zeigen kann, was bei seiner Mama gemacht wird, damit sie keine Schmerzen hat.
Dann geht er zum Papa zurück, setzt sich auf dessen Schoss und fragt: „Und wann kommt Mama wieder nach Hause?“
Schweigen.
„Mama kommt nicht mehr nach Hause“, sagt der Vater. „Die Mama ist so feste krank, dass sie nicht mehr gesund wird. Die Mama stirbt.“ Jetzt weint er, – nicht vor Traurigkeit, wie er später sagt, eher, weil er es geschafft hat, das seinem Sohn deutlich zu sagen. Er ist ein mutiger Vater in dieser Situation.
Und so gut, dass die Erzieherin dabei ist und weiß, was der Junge gesehen hat. Sie strahlt eine gute Sicherheit aus. Sie kann und wird mit ihrem Team dem Jungen nahe stehen, erklären, DA sein. Auch sie aus der Kita sind Mutmacherinnen für die Familie.

Auf Mamas Kopfkissen liegt ein Bild, dass Konrad heute morgen noch in der Kita gemalt hat. Mit „Maxi-Stiften“, erklärt er mir ganz stolz. Und die Erzieherin erklärt: „Konrad ist seit gestern ja ein Maxi-Kind.“ Und Konrad sagt: „Ja, die Kleinen dürfen mit Maxi-Stiften noch nicht malen.“

Dann fahren wir alle gemeinsam mit dem Fahrstuhl nach unten, Konrad, der Vater, die Erzieherin, die Tanten, die beste Freundin der Mama und ich. Der Vater will uns in der Cafeteria zum Kaffee einladen, Konrad wird ein Eis angeboten.
„Nein, ich möchte einen warmen Kakao“, sagt er und zieht die Rotze vom Weinen in der Nase hoch.

Dieser kleine Kerl hat Glück mit dem Vater, den Verwandten, der Kita und dem Krankenhaus, dass er in der großen Traurigkeit dabei sein darf. Denn mit Trauer können wir klar kommen, mit aussen vor lassen weniger. Kennt ihr das?

Es kann wertvoll sein, wenn sich Menschen in Geschichten wiedererkennen oder anderweitig davon profitieren, indem sie etwas, jemanden oder sich verstehen lernen. Auch diejenigen, von denen ich erzähle, benennen dies als wertvoll.

An dieser Stelle auch mein Dank fürs teilen und weitererzählen.
Familientrauerarbeit braucht Öffentlichkeit, damit sich nicht nur für unsere Kinder etwas beim Umgang in Verlustzeiten verändert.

P.S. Der Papa und die Tante von Konrad schickten mir im Nachhinein Fotos von Bildern zu, die der Maxisjunge mit Maxistiften für seine Mama bei der Beerdigung gemalt hat.

Herzliche Grüße aus dem LAVIAhaus!
Mechthild Schroeter-Rupieper